Nachhaltige Geldanlage: Ethisch investieren an der Börse

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Immer mehr Anleger:innen wollen neben guten Renditen auch ein reines Gewissen haben. Längst gibt es nachhaltige Geldanlagen daher auch an der Börse. Wer grün oder sozial investiert, möchte das eigene Geld nicht in problematische Unternehmen stecken. Statt in die Kohleindustrie wird daher beispielsweise in Solarenergie angelegt. Aber wie umweltfreundlich und sozial sind die Anlagen wirklich? Was du außerdem hinsichtlich Risiken und Kosten beachten solltest, zeigen wir dir hier.

Längst verzichtest du auf Kaffee im Pappbecher, gehst im Bioladen einkaufen, bist auf Ökostrom umgestiegen und fliegst nicht mehr so oft – aber dein Geld investierst du über Wertpapiere noch immer in Fluglinien, Billigmodeproduzenten oder Nahrungsmittelgroßkonzerne, die Land und Leute ausbeuten? Mit diesem Konflikt leben viele. Andere scheuen sich deshalb gleich ganz, an der Börse zu investieren. Ethische Geldanlagen versprechen, diesen Widerspruch aufzulösen: Ob du nun in einzelne Unternehmen in Form von Aktien investierst oder mit Fonds bzw. ETFs in ganz viele – dein Geld fließt nicht in Firmen oder Branchen, die gemeinhin als unethisch gelten.

Was sind nachhaltige Geldanlagen?

Auch wenn grüne Geldanlagen noch immer als Nischenprodukt gelten, steigt ihr Anteil doch Jahr für Jahr beträchtlich. Laut einer Erhebung des Forums Nachhaltige Geldanlangen (FNG) ist der Markt von 2019 auf 2020 mit etwa 18 Milliarden Euro Gesamtvolumen auf das Doppelte angestiegen – nur für Privatanlager:innen wohlgemerkt. Spätestens seit junge Leute bei Fridays for Future auf die Straße gehen, hat ein Umdenken in der Gesellschaft stattgefunden. Die Nachfrage nach alternativen Investmentmöglichkeiten an der Börse dürfte auch in den kommenden Jahren weiter steigen.  

Nicht nur nachhaltige Banken bieten Investitionschancen, auch herkömmliche Institute haben längst eine Fülle von Produkten auf den Markt gebracht. Besonders beliebt sind dabei Fonds und ETFs. Normalerweise investierst du mit diesen Wertpapieren in eine Vielzahl an Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen oder Ländern. Dazu gehören im Normalfall auch Firmen, die weder klimafreundlich noch sozial wirtschaften. Alternative Fonds und ETFs schließen alle Wertpapiere aus, die bestimmte Kriterien nicht erfüllen. Aber Vorsicht: Viele Produkte sind Augenwischerei und weniger nachhaltig, als du vielleicht denkst.

Nach diesen Kriterien richten sich die alternativen Investments

Leider kann unter dem Label „nachhaltig“ so ziemlich alles verkauft werden. Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben. Daher musst du selbst aktiv werden und recherchieren, bevor du dich für ein Produkt entscheidest. Zum Glück gibt es inzwischen einige Labels, Zertifikate und Ratings, an denen du dich orientieren kannst. Wir stellen dir ein paar davon vor:

Hinter der Abkürzung steckt „Environment, Social & Governance“. Klimaschutz, soziale Verantwortung und gute Unternehmensführung sind also Pflicht. Es handelt sich hier aber nicht um ein offizielles Rating. Ob ein Unternehmen also als nachhaltig eingestuft wird, entscheidet beispielsweise die Fondsgesellschaft, die einen ethischen Fonds aufsetzt. Ein bekanntes Rating ist beispielsweise das von MSCI ESG Research.

Das Forum Nachhaltige Geldanlagen vergibt Siegel für ethische Fonds. Das Rating muss von den Unternehmen jedes Jahr erneuert werden. Wer dabei sein will, muss Mindeststandards erfüllen. Dazu gehört beispielsweise die Einhaltung von Menschenrechten, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung genauso wie der Ausschluss von problematischen Geschäftsfeldern wie Fracking, Rüstung oder Kohle. Hochwertige Fonds, die sich noch weiter engagieren, erhalten bis zu drei Sterne als Zusatzauszeichnung.

Der EcoReporter ist ein Finanzmagazin für nachhaltige Geldanlagen. Es gibt feste Kriterien, die EcoReporter für Fonds, Aktien, Anleihen oder Sparkonten prüft, bevor sie mit einem Siegel ausgezeichnet werden. Dazu gehört beispielsweise, dass nicht oder nur zu geringem Anteil in Unternehmen aus Bereichen Atomenergie oder Gentechnik oder solche, die Tierversuche oder Kinderarbeit gestatten, investiert wird. Zusätzlich können gleich ganze Länder ausgeschlossen werden, beispielsweise solche mit totalitären Regimen oder Todesstrafe.

Die Non-Profit-Organisation CDP hat ein international anerkanntes Rating entwickelt. Wie der Name schon vermuten lässt, geht es hauptsächlich um Klimaschutz. Firmen, die in die zertifizierten Fonds und andere Produkte aufgenommen werden, müssen Kriterien wie Reduzierung von Emissionen, Wassereinsparung oder Aufforstung erfüllen. Je nachdem, wie ein Unternehmen abschneidet, bekommt es ein bis fünf grüne Blätter als Auszeichnung.

EU-Rating kommt

In Zukunft wird es eine EU-weit gültige Norm für nachhaltige Geldanlagen geben. Ziel ist es, die Bürger:innen zu nachhaltigen Investitionen zu ermuntern. Doch hierfür brauchte es zunächst einheitliche Richtlinien, was darunter zu verstehen ist. In der sogenannten Taxonomie sind Klimaziele definiert, an denen sich Unternehmen messen lassen müssen, wollen sie als nachhaltig gelten. Eine genauere Definition für einzelne Wirtschaftszweige muss jedoch noch ausgearbeitet werden.

Ethisch korrekt an die Börse: deine Anlagemöglichkeiten

Zugegeben, es ist nicht ganz leicht, nachhaltig an der Börse zu investieren. Als Anleger:in wird dir viel Eigenverantwortung abverlangt. Letztlich kommt es auch darauf an, was du für dich als ethisch korrekt einstufst. Ein gläubiger Christ hat hier wahrscheinlich ganz andere Vorstellungen als eine junge Veganerin. Es bleibt dir also nur übrig, dich im Detail mit dem Anlageprodukt zu beschäftigen.

Produktseitig musst du in der Regel auf nichts verzichten. Inzwischen gibt es eine große Auswahl an nachhaltigen Geldanlagen, von Aktien, über Anleihen, Fonds oder ETFs. Wir zeigen dir, was hier geht.

Aktien

Der Klassiker unter den Börsenanlagen gehört wohl zu den simpelsten Arten, nachhaltig anzulegen. Immerhin investierst du hier in ein einziges Unternehmen. Du musst also theoretisch nur nach Firmen Ausschau halten, die deinen ökologischen oder sozialen Anforderungen entsprechen und an der Börse notiert sind.

Bei Aktien ist Streuung wichtig, ob nachhaltig oder nicht. Statt alles in eine Aktie zu stecken, solltest du also in verschiedene Firmen oder sogar Branchen anlegen. In diesem Bereich beliebt sind beispielsweise nachhaltige Nahrungsmittelproduzenten, erneuerbare Energien, Recycling oder Mobilität.

Fonds

Normalerweise sind die Aktien oder Anleihen in Fonds so zusammengestellt, dass sich eine möglichst breit gestreute Geldanlage mit guten Renditechancen ergibt. Dabei werden womöglich auch Unternehmen eingeschlossen, die du möglicherweise nicht unterstützen möchtest. Es ist gängig, dass konventionelle Fonds auch in Atom- und Rüstungsunternehmen, Billigmodeketten oder Rohstoffe investieren.

Um den passenden Fonds für dich zu finden, solltest du die gängigen Kriterien kennen, nach denen Fondsgesellschaften ihre nachhaltigen Anlagen zusammenstellen. Sie arbeiten entweder mit Positiv- bzw. Ausschlusskriterien, dem Best-in-class-Prinzip oder Themenbereichen.

  • Positivkriterien: Hier werden nur Titel aufgenommen, die bestimmte Anforderungen erfüllen. Man spricht auch von „Whitelist“. Anhaltspunkte können die Labels sein, die weiter oben aufgelistet sind. Die Fondgesellschaft kann aber auch eigene Vorgaben entwickeln.
  • Ausschlusskriterien: Im Gegensatz dazu werden hier keine Wertpapiere in den Fonds aufgenommen, die den Vorgaben nicht entsprechen („Blacklist“). Diese Art ist gängiger, da mehr Aktien zum Fonds passen. Allerdings ist der dadurch auch meist weniger nachhaltig, da die Aufnahmekriterien weniger streng sind. Die enthaltenen Wertpapiere gehören auch zu Firmen, die sich in Sachen Umweltschutz und Co. nicht besonders hervortun.
  • Best-in-class: Bei diesem Prinzip werden in den Fonds nur diejenigen Wertpapiere aufgenommen, deren Unternehmen in ihrer Branche am umweltfreundlichsten oder sozialverträglichsten agieren. Es liegt im Ermessen der Fondsgesellschaft, dies zu beurteilen. Daher musst du auch hier darauf achten, welche Werte enthalten sind. Denn nur weil ein Unternehmen nicht ganz so umweltschädlich handelt wie die Konkurrenz, muss es nicht unbedingt nachhaltig sein.
  • Themenfonds: Liegt dir ein bestimmtes Thema besonders am Herzen, eignet sich ein Themenfonds für dich. Dort werden Wertpapiere einer bestimmten Kategorie aufgenommen. Ökofonds fokussieren sich beispielsweise auf Unternehmen, die sich für den Umweltschutz einsetzen. Es gibt aber auch noch speziellere Fonds, die sich auf Nischen spezialisieren. Das können zum Beispiel Solar- oder Recycling-Fonds sein.

ETF (Indexfonds)

ETFs bilden einen bestimmten Aktienindex nach, so dass du hier wie bei aktiv gemanagten Fonds in eine Vielzahl an Wertpapieren investierst. ETFs haben sich über die letzten Jahre vor allem bei Privatanlager:innen, die online traden, durchgesetzt, da sie günstiger sind als klassische Fonds. Logisch, dass es auch hier viele nachhaltige Produkte gibt.

Die Klassifizierung findet dabei ähnlich wie bei Fonds statt. Nehmen wir als Beispiel einen Klassiker, die MSCI-ETFs. Diese gibt es in zahlreichen Ausführungen und je nachdem, für welchen du dich entscheidest, sind bestimmte Aktien hinzugefügt oder weggelassen. Einige davon erfüllen Nachhaltigkeitskriterien. Das erkennst du an bestimmten Bezeichnungen, unter denen die MSCI-Variation gelistet ist. Das sind unter anderem „SRI“ (Socially Responsible Investing) oder das bereits bekannte „ESG“. Oft siehst du an Namenszusätzen sofort, welche Inhalte der Index hat, zum Beispiel wenn Begriffe wie „Climate Change“, „Sustainability“ oder „Low Carbon“ auftauchen. Viele ETFs bilden auch klassische Indizes wie den DAX, Dow Jones und Co. ab, schließen aber bestimmte Unternehmen aus und heißen dann beispielsweise „ex Alcohol“, „ex Gambling“ oder „ex Weapons“. In diesem Fall werden Werte aus den Geschäftsfeldern Alkohol, Glücksspiel oder Rüstung nicht in den ETF aufgenommen.

Tipp:

Viele Broker haben Filteroptionen für ihre angebotenen ETFs. Du musst dann nicht langwierig selbst suchen, sondern kannst bereits vorab Geschäftsfelder ausschließen.

Nachhaltige Robo-Advisor-Strategien

Für alle, die sich eine eigenständige Anlagestrategie ersparen wollen, sind automatisierte Vermögensverwalter in Form von Robo-Advisors eine gute Option. Bei vielen Anbietern gibt es inzwischen auch nachhaltige Produktserien. So bieten beispielsweise growney und Scalable Capital eigene Investmentstrategien an, die sich nach ESG-Kriterien richten.

Achte darauf, dass der Anbieter transparent vermittelt, was sich nun genau in der nachhaltigen Anlage befindet. Viele Robos enthalten einen Mix verschiedener gängiger ETFs, beispielsweise aus der MSCI-SRI-Reihe. Hier musst du dann ggf. zu jedem einzelnen ETF Informationen zu den enthaltenen Wertpapieren einholen, wenn du sehen möchtest, in welche Unternehmen investiert wird.

Wie nachhaltig sind die Produkte wirklich?

Vor allem bei Fonds und ETFs musst du vorsichtig sein, was die Aufnahmekriterien angeht. Greenwashing ist leider weit verbreitet. Die Produkte werden dabei nachhaltiger dargestellt, als sie sind, damit Anleger:innen ein gutes Gewissen haben. Viele Produkte sind so aufgestellt, dass nachhaltige Werte nur zu einem gewissen Anteil enthalten sind. Gerade beim „Best-in-class“-Prinzip passiert es oft, dass Nachhaltigkeitskriterien nur für beispielsweise 25 Prozent des Fonds gelten und der Rest mit konventionellen Werten aufgefüllt wird. Beim „Best-in-class“ und wenn mit Negativkriterien gearbeitet wird, verbleiben Unternehmen im Portfolio, die im Bereich Nachhaltigkeit zwar besser sind als ihre Konkurrenten. Das muss aber nicht heißen, dass sie sich aktiv für Umweltschutz und Co. einsetzen.

Was ist genau drin?

Viele Fondsgesellschaften werben damit, dass ihre Portfolios ESG-Kriterien erfüllen, doch oft werden nur Bereiche wie Atomkraft oder Waffen aufgeschlossen. Beispiel: Ein ETF aus der Reihe MSCI Europe ESG gibt an, nicht in Geschäftsfelder wie Atomwaffen, Tabak und Kohle zu investieren. Die am stärksten gewichtete Aktie in diesem ETF ist jedoch der Konzern Nestlé, den die meisten Anleger:innen vermutlich nicht als nachhaltig einstufen würden.

Generell können die Vorstellungen, was ethisch korrekt ist, also stark von deinen Vorstellungen abweichen. Tech-Aktien sind beispielsweise beliebte Inhalte von nachhaltigen ETFs, auch wenn ihre Hardware oft unter ausbeuterischen und umweltzerstörenden Bedingungen hergestellt wird. Auch Airlines, Lebensmittel- und Kosmetikriesen sind oft enthalten, sofern sie sich in bestimmten Bereichen von der Konkurrenz absetzen. Das heißt aber nicht, dass sie unbedingt umweltbewusst wirtschaften. Auch können im Ausland andere Standards gelten. So sind die Deutschen beispielsweise traditionell gegen Atomkraft positioniert – in Nachbarländern hingegen gelten AKW eher als saubere Energiequelle.

Greenwashing auch bei Fondgesellschaften

Auch die Herausgeber von Fonds und ETFs selbst stehen oft in der Kritik. So bringt die Fondsgesellschaft BlackRock beispielsweise ebenfalls ETFs heraus, die sich nach ESG-Kriterien richten, ist jedoch gleichzeitig an Unternehmen aus der Kohle-, Gas- und Ölindustrie beteiligt. Als Anleger:in musst du selbst entscheiden, ob du mit diesem Widerspruch leben kannst oder nicht. Generell gilt leider: Je genauer du es nimmst, desto weniger Investitionsmöglichkeiten hast du.

Kosten und Renditechancen

Wie teuer dich ein soziales Investment kommt, hängt vom Anbieter ab, über den du deine Geldanlage tätigst. Der Kauf von Aktien, Fonds und ETFs ist immer mit Kosten verbunden – und die definiert dein Broker. Da für viele Anbieter nachhaltige Produkte noch eine Nische darstellen, kann es sein, dass du gerade bei Fonds einen höheren Ausgabeaufschlag zahlen musst. Standardprodukte sind bei vielen Banken nämlich oft gebührenfrei oder vergünstigt erhältlich. Für grüne Investitionen gilt dies meist nicht. Gerade bei aktiv gemanagten Fonds muss mehr Recherche betrieben werden, welche Unternehmen nachhaltig sind. Das wirkt sich dann auf den Preis aus.

Grün investieren = weniger Rendite?

Oft hält sich hartnäckig das Gerücht, dass du beim grünen Investieren auf Rendite verzichten müsstest. Das stimmt so nicht. So hat die Stiftung Warentest beispielsweise die Performance des Aktienindex MSCI World dem MSCI World SRI von 2015 bis Ende 2020 verglichen. Vor allem in den letzten Jahren hat das nachhaltige Pendant besser abgeschnitten und sich nach der Krise im Frühjahr 2020 auch schneller erholt.

Allerdings können Anlagen in bestimmte Branchen durch die geringere Streuung je nach Entwicklung am Börsenmarkt größere Gewinne aber auch Verluste bedeuten. Da das Umweltbewusstsein in den letzten Jahren größer geworden ist, profitieren Firmen, die sich für Klimaschutz, CO2-Einsparung oder E-Mobilität einsetzen. Unternehmen, die auf Ausbeutung, Kinderarbeit oder Umweltverschmutzung verzichten, sind auch eher weniger von Negativmeldungen betroffen, die den Kurs drücken können.

Fazit: Die Zukunft ist grün

Da die Nachfrage in Zukunft noch steigen wird, dürften nachhaltige Börsenanlagen immer mehr zum Mainstream werden. Bessere Standards, günstige Preise und weiter steigende Renditen könnten also die Konsequenz sein. Wie immer gilt aber: Definitive Vorhersagen kann niemand treffen. Deinem Portfolio aber zumindest nachhaltige Geldanlagen beizugeben, ist nicht verkehrt.

Achte aber darauf, wie umweltfreundlich und sozial sie wirklich sind. Viele Produkte sind bei weitem nicht so grün, wie sie zunächst wirken. Derzeit musst du noch viel Eigenrecherche betreiben, da es keine einheitlichen Gütesiegel gibt.

Julia bewegt sich seit 2011 im Umfeld Finanzen. Als Expertin für Verbraucherthemen wie Girokonto, Kreditkarte und Depot hat die studierte Germanistin und Amerikanistin immer einen Tipp auf Lager.
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