IPO: Motive, Ablauf und Wissenswertes rund um den Börsengang eines Unternehmens

Ein IPO generiert vor allem Kapital. Expandieren, neue Geschäftsideen verfolgen, andere Unternehmen übernehmen – durch den Börsengang eröffnen sich für ein Unternehmen neue Möglichkeiten. Gleichzeitig ist der IPO ein komplexer, langwieriger und auch kostspieliger Vorgang. In diesem Ratgeber liest du, warum genau Unternehmen an die Börse gehen, wie ein IPO funktioniert und warum es für dich vorteilhaft sein kann, Aktien von Börsenneulingen zu handeln.

Was bedeutet die Abkürzung IPO?

IPO bedeutet Initial Public Offering und meint das erstmalige öffentliche Angebot von Wertpapieren eines Unternehmens an der Börse, also das erste Listing einer Aktie. Im englischsprachigen Raum wird von stock market launch oder going public gesprochen. Der Gang an die Börse ist ein komplexer Vorgang und bedarf ausreichender Vorlaufzeit. Der Ablauf eines IPOs lässt sich in vier Schritte unterteilen:

  • Börsenreifetest und Wahl der Konsortialbank
  • Due Diligence: Risikoprüfung des IPO-Kandidaten
  • Bookbuilding-Verfahren
  • Zeichnung und Zuteilung der Aktien

Motive: Darum gehen Unternehmen an die Börse

Mit dem erstmaligen Gang an die Börse erhalten externe Kapitalgeber:innen die Möglichkeit, in ein Unternehmen zu investieren. Sie generieren dadurch zusätzliche finanzielle Mittel, stärken also die Eigenkapitalquote des Unternehmens. Dadurch kann das Unternehmen wachsen, zum Beispiel, indem es eine zukunftsweisende Geschäftsidee verfolgt, expandiert oder andere Unternehmen aufkauft.

Der Ablauf eines IPO in vier Schritten

Ursprünglich bedeutet „going public nichts anderes als die Änderung der Unternehmensform. Der IPO-Kandidat muss im Vorfeld seine Personengesellschaft in eine passende Gesellschaftsform umwandeln und einen Aufsichtsrat ernennen. Das ist die Grundvoraussetzung für den Börsengang. In Deutschland gibt es drei mögliche Gesellschaftsformen für Unternehmen, die an die Börse wollen: die Aktiengesellschaft (AG), die Europäische Gesellschaft (SE) oder die Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA).

Schritt 1: Börsenreifetest und Auswahl der Konsortialbanken

Der Börsenreifetest zielt nicht nur auf den rechtlichen Aspekt der Gesellschaftsform, sondern hat auch wirtschaftliche Komponenten. Konkret werden diese Punkte analysiert:

  • Aufstellung der Unternehmensdaten und -zahlen
  • Allgemeine Analyse der Stärken und Schwächen des Unternehmens
  • Branchen-, Produkt- und Wettbewerbsanalyse
  • Peer-Group-Vergleich mit Unternehmen, die schon börsennotiert sind
  • Analyse des aktuellen Börsenumfelds hinsichtlich Trends und Bewertungen

Good to know: Die wirtschaftlichen Komponenten müssen keinem konkreten Ziel entsprechen. Sind jedoch beispielsweise die Zahlen des Unternehmens gut oder bringt es innovative Produkte mit, ist es für potentielle Kapitalgeber:innen und auch für dich als Anleger:in attraktiver. Denn: Ein hoher Emissionspreis der Aktie sowie ein langfristiger Erfolg des Unternehmens sind dann wahrscheinlicher.

Aktien von Börsenneulingen kaufen: Das ist der Vorteil

Zu keiner Zeit wirst du so viel über ein Unternehmen erfahren, wie nach der Ankündigung seines geplanten Börsengangs. Wenn du also vorhast, Aktien zu kaufen, kannst du dir diese Transparenz zunutze machen. Mit dem passenden Depot gelingt das übrigens ganz leicht! In unserem Depotvergleich findest du viele Anbieter mit günstigen Konditionen.

Nachdem die Börsenreife festgestellt wurde, sucht das Unternehmen eine Konsortialbank. Ihre Aufgabe ist es, den IPO zu begleiten und zu unterstützen. Im sogenannten Beauty Contest können sich die interessierten Banken als Konsortialbanken bewerben. Der Contest funktioniert auch andersherum, etwa, wenn ein Unternehmen eine spezielle Bank als Konsortialführer gewinnen möchte.

Am Ende wählt das Unternehmen oft mehrere Banken als Konsortialbanken aus. Sie sind für alle Arbeiten im Zusammenhang mit der Emission zuständig. Dazu gehören beispielsweise die Erstellung des Börsenprospektes, die Antragstellung auf Börsenzulassung und Gespräche mit potentiellen Investoren (Marktsounding).

Konsortialbanken sind teuer!

Die komplexen und langwierigen Arbeiten rund um den Börsengang lassen sich die Konsortialbanken gut bezahlen. Das Unternehmen muss mit Kosten von ungefähr fünf Prozent des gesamten Emissionsvolumens rechnen.

In Zusammenarbeit mit dem IPO-Kandidaten legen die Emissionsbanken außerdem die Transaktionsstruktur des Börsengangs fest. Hierbei wird der Investor:innenkreis hinsichtlich Art und geographischer Herkunft abgeschätzt. Außerdem werden wichtige Rahmenbedingungen für den unmittelbaren Zeitraum nach dem Börsengang festgelegt. Zum Beispiel kann der Aktienkauf für das Management zunächst untersagt werden. So kommt der mögliche Vorwurf von Insiderhandel gar nicht erst auf.

Schritt 2: Due Diligience – die Risikoprüfung des IPO-Kandidaten

Einen erheblichen Teil der Börsengang-Kosten verursacht die Risikoprüfung, das sogenannte Due-Diligience, bei der das Unternehmen auf Herz und Nieren geprüft wird. Aufgrund der Komplexität dieser Prüfung wird sie von Anwält:innen und Wirtschaftsprüfer:innen durchgeführt. Sie ist in zwei Bereiche unterteilt:

  • Legal Due Diligence: Die rechtlichen Risiken und Potenziale des Unternehmens werden ausgelotet.
  • Financial Due Diligence: Die organisatorischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten des IPO-Kandidaten werden umfassend durchleuchtet.

Auf Basis der Ergebnisse des Due Diligence wird der Research Report erstellt. Er dient vor allem den Großinvestor:innen als Anhaltspunkt für Marktstellung, Marktpotential und den ungefähren Wert des Unternehmens. Außerdem ist er die Grundlage für die Equity Story, mit der der Börsengang erfolgreich vermarktet werden soll. Die Equity Story formuliert die Schlüsselkompetenzen, Erfolgsfaktoren und Perspektiven des Unternehmens und dient wiederum als Grundlage für den rechtlich verbindlichen Börsenprospekt. Das Papier zählt zu den Voraussetzungen für den Antrag zur Börsenzulassung bzw. für die Zulassung im gewünschten Börsensegment.

Bookbuilding – der Aktienpreis wird ausgelotet

Am Ende des Bookbuilding-Verfahrens steht die Festlegung des voraussichtlichen Emissionspreises. Die Konsortialbanken präsentieren dafür institutionellen Anlegern wie Investmentgesellschaften, Kreditinstituten, Versicherungen, aber auch Kirchen die Equity Story und den Research-Report. Das Ergebnis dieser Promotion-Tour ist die Festlegung der Bookbuilding-Spanne. Innerhalb dieser Spanne liegt der mutmaßliche Emissionspreis der Aktie.

Roadshows, oder: wie wichtig eine durchdachte IPO-Kommunikation ist

Der IPO muss beworben werden: Je erfolgreicher die Kommunikation, desto höher der spätere Wertpapier-Emissionspreis und desto höher auch die Verkaufschancen der Aktie. Unternehmen arbeiten deswegen eng mit Finanzjournalist:innen zusammen, schalten Werbung und fahren Roadshows, in denen der Vorstand das Unternehmen der Finanz-Community vorstellt.

Schritt 4: Zeichnung und Zuteilung der Wertpapiere –der Aktienhandel kann beginnen

Nach der Festlegung der Emissionspreisspanne beginnt die Zeichnungsfrist, die in der Regel auf eine bis zwei Wochen angelegt ist. Die Konsortialbanken bieten die Wertpapiere im Rahmen der Zeichnungseinladung nun öffentlich zur Zeichnung an. In diesem Zeitraum legen die Interessent:innen verpflichtend fest, wie viele Aktien sie zu welchem Maximalpreis erwerben möchten. In der Regel müssen mindestens 50 Aktien gezeichnet werden.

Anhand dieser Nachfrage wird der Emissionspreis ermittelt. Hast du eine Order unter dem Emissionspreis aufgegeben, erhältst du keine Aktien. Unter allen anderen werden die Aktien aufgeteilt. Sie zahlen exakt den Emissionspreis.

Tipp: Auch du kannst Aktien zeichnen!

Willst du als Privatanleger:in Aktien zeichnen, musst du bei deiner Bank eine so genannte Zeichnungsorder aufgeben. Üblicherweise zahlst du dafür genauso viel wie bei einem regulären Wertpapierkauf. Allerdings kommst du nicht automatisch zum Zug. Nur die Banken und Online-Broker haben ein garantiertes Kontingent, die Teil des IPO-Konsortiums sind.

Video von easyfinance: IPO kurz erklärt

Listing und Settlement: Der Börsenstart

Nachdem das Orderbuch geschlossen wurde, wird der Emissionspreis endgültig festgelegt und die Wertpapiere können in das Handelsregister eingetragen werden. Die Aktie kann nun an der Börse gehandelt werden. In diesem Zug wird nun auch der Börsenkurs festgestellt, die sogenannte Erstnotiz.

Die Konsortialbank verpflichtet sich nun für etwa einen Monat zur Kurspflege der Aktien. Das bedeutet erstens, die Liquidität der Aktien sicherzustellen, damit sie fortlaufend gehandelt werden können. Zweitens sollen allzu große Kursschwankungen vermieden werden. Wenn der Kurs der Aktie also fällt, werden Aktien gekauft. Steigt der Kurs, wird verkauft.

Im Jahr 2019 war der IPO-Markt im Vergleich zum Vorjahr um 8 % eingebrochen. Insgesamt gingen nur drei Unternehmen an die Börse.

IPOs 2020: Mehr Börsengänge als im Vorjahr?

2019 war der IPO-Markt extrem eingebrochen (siehe Grafik). 2020 versprach hingegen ein Jahr zu werden, in dem sich der IPO-Markt sowohl in Bezug auf die Anzahl der Börsengänge als auch in Bezug auf das Emissionsvolumen erholt – so die Prognose der IPO-Studie der Kirchhoff Consult AG aus dem Vorjahr.

Aufgrund der Corona-Pandemie hat sich diese Prognose aber nicht bewahrheitet. Viele Unternehmen zögerten oder zögern noch, den Schritt an die Börse zu wagen. So hat Thyssenkrupp seine Aufzugssparte mittlerweile verkauft und Continental hat mit Vitesco den ersten möglichen Börsengang komplett abgesagt. Nur Siemens Energy hielt an seinem Vorhaben fest: Die Aktie wurde am 28.09.2020 erstnotiert. Richtig rund läuft es seitdem zwar noch nicht, doch hat die Aktie laut Einschätzung von Börsenexpert:innen durchaus Potential.

Die wichtigsten Fragen rund um den IPO

Der Börsengang eines Unternehmens ist ein komplexer und langwieriger Vorgang. Wir haben dir hier die wichtigsten Fragen und Antworten rund um den IPO zusammengestellt.

Was bedeutet die Abkürzung IPO?

IPO bedeutet Initial Public Offering. Die Abkürzung meint das erstmalige öffentliche Angebot von Wertpapieren eines Unternehmens an der Börse, also das erste Listing einer Aktie. Im englischsprachigen Raum wird von stock market launch oder going public gesprochen.

Warum gehen Unternehmen an die Börse?

In aller Regel versprechen sich Unternehmen zusätzliches Kapital von ihrem IPO. Das wird zum Beispiel verwendet, um zu expandieren, andere Unternehmen aufzukaufen oder um eine zukunftsweisende Geschäftsidee zu verfolgen.

Welche Vorteile bietet ein IPO außerdem?

Neben Wachstum oder Eigenkapitalstärkung, die gerade für die Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern und anderen Unternehmen essentiell ist, kann das Unternehmen von der Aufmerksamkeit profitieren, die es durch den IPO bekommt. Produkte und Marke werden beworben und stehen über Monate in der Öffentlichkeit.

Wie lange dauert ein IPO?

Für die Vorbereitungen muss das Unternehmen etwa ein Jahr einplanen. Ein IPO ist ein langer, kostspieliger und bürokratischer Vorgang. Deswegen wagen diesen Schritt in der Regel nur große Unternehmen, die über ausreichend Ressourcen verfügen.

Wie viel kostet ein IPO?

Wie viel genau ein IPO kostet, ist schwer zu sagen. Beim Börsengang eines Unternehmens fallen eine ganze Reihe verschiedener Kosten an, die in ihrer Höhe stark variieren. Als Rahmen für die Gesamtkosten kannst du aber etwa sechs bis zehn Prozent des Emissionsvolumens ansetzen.

Saskia arbeitet seit 2017 im Finanzbereich und hat dort auch ihr Volontariat absolviert. Ihre Schwerpunkte liegen vor allem bei den Themen Wertpapierdepot sowie Unfall- und Sterbegeldversicherung.
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