Aktien-Delisting: Wenn Unternehmen von der Börse verschwinden

Coinbase, Deliveroo oder Bumble: Von Börsengängen namhafter Unternehmen wird in den Medien breit berichtet. Immer wieder ziehen sich Unternehmen aber auch von der Börse zurück. Warum das so ist und was das Delisting einer Aktie für dich als Anlegerin oder Anleger bedeutet, fassen wir hier für dich zusammen.

Was bedeutet Delisting?

Bei einem Delisting zieht sich ein börsennotiertes Unternehmen von der Börse zurück. Man spricht auch von einem Börsenabgang oder Börsenrückzug. Die Aktie des betroffenen Unternehmens ist nach dem Delisting nicht mehr an der Börse notiert und kann nicht mehr aktiv gehandelt werden.

Dadurch wird die Verkehrsfähigkeit der Aktie erheblich beeinträchtigt. In der Regel musst du bei einem Delisting also mit starken Kursverlusten rechnen.

Downlisting

Anders als beim Delisting verschwindet das Unternehmen beim Downlisting nicht von der Börse, sondern wechselt lediglich in ein Börsensegment mit niedrigeren Anforderungen. Zum Beispiel kann ein Wechsel vom Prime Standard, dem Segment mit den höchsten Anforderungen, in den weniger geregelten General Standard oder ins Basic Board veranlasst werden.

Wie funktioniert ein Delisting?

Früher war die Mehrheit der Hauptversammlung nötig, um ein Delisting abzusegnen. Heute trifft der Großaktionär diese Entscheidung alleine. Dazu muss er bei der zuständigen Zulassungsstelle einen Antrag auf Widerruf der Zulassung von Wertpapieren seines Unternehmens zum Börsenhandel stellen. Auch die Zulassungsstelle kann den Börsengang widerrufen und damit das Delisting veranlassen.

Hintergrund:

Einfluss des Delistings auf die Rechtsform des Unternehmens

Ist der Widerruf amtlich und besteht das Unternehmen danach weiterhin, nimmt es eine andere Rechtsform an. In Deutschland muss ein börsennotiertes Unternehmen die Rechtsform AG, also Aktiengesellschaft, KGaA, Kommanditgesellschaft auf Aktien, oder SE, Europäische Gesellschaft, haben. Nach einem Delisting kann es beispielsweise in eine GmbH, Gesellschaft mit beschränkter Haftung, umgewandelt werden.

Video der Rabe Academy: Was passiert, wenn eine Aktie vom Markt genommen wird?

Warum ziehen sich Unternehmen zurück? Gründe für ein Delisting

Ein Delisting kann nicht einfach mal so entschieden werden. Immerhin hat es Konsequenzen nicht für das Unternehmen selbst, sondern auch für die Anteilseigner:innen, also für private Anlegerinnen und Anleger. Es müssen also triftige Gründe vorliegen. Wir haben sie für dich zusammengetragen.

Insolvenz: Bei einer Insolvenz ist das Unternehmen zahlungsunfähig und kann seine Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen. Das hat zur Folge, dass der Wert seiner Aktien auf Null fallen.  Das bekannteste und wohl krasseste Beispiel für ein Delisting wegen Zahlungsunfähigkeit ist Wirecard.

Pflichtvernachlässigung: Börsennotierte Unternehmen haben Pflichten, denen sie regelmäßig nachkommen müssen. Dazu gehören regelmäßige Geschäftsberichte, Hauptversammlungen, die Offenlegung der Vergütung von Vorstand und Aufsichtsrat und so weiter. Vernachlässigt ein Unternehmen diese Pflichten, kann das ein Einschreiten der Börsenaufsicht und schlimmstenfalls ein Delisting zwangsweise zur Folge haben. Der ordnungsgemäße Handel der Wertpapiere des Unternehmens ist dann nämlich nicht mehr gewährleistet.

Wie funktioniert der Börsengang eines Unternehmens?

Dir fehlen Hintergrundinfos zum Thema Börsengang? Warum geht ein Unternehmen an die Börse und was muss es für den so genannten IPO tun? Alle wichtigen Infos dazu findest du in unserem Ratgeber IPO!

Kostenvermeidung: Der Hauptgrund für den Börsengang ist Kapitalbeschaffung. Allerdings ist es auch ziemlich teuer, an der Börse gelistet zu sein: Die Erfüllung der oben genannten Pflichten kostet Geld. Rechnet sich das für ein Unternehmen nicht, ist ein Delisting sinnvoll.

Übernahme, Umstrukturierung oder Privatisierung: Im Zuge einer Übernahme wird ein Unternehmen oft grundlegend umstrukturiert. Um diese Umstrukturierung zu vereinfachen, kann sich der neue Eigentümer für ein Delisting entscheiden, denn dadurch entfallen für ihn alle Pflichten, die mit der Börsennotierung einhergehen. Das Unternehmen wird dann oft in eine GmbH umgewandelt oder vollständig privatisiert (engl.: going private). Man spricht von einem kalten Delisting.

Squeeze-Out: Bei einem Squeeze-Out („Herausquetschen“) kann der Hauptaktionär fordern, dass die Minderheitsaktionär:innen ihm ihre Aktien übertragen. Er wird in der Regel durchgeführt, wenn es nur noch einen sehr geringen Anteil an Minderheitsaktionär:innen gibt und das den Mehrheitsverhältnissen nicht mehr gerecht wird. Du willst mehr wissen? In unserem Ratgeber Squeeze-Out findest du alle Hintergrundinfos zum Thema.

10 Börsenrückzüge namhafter Unternehmen 2021

AktieWKNGroßaktionärAnkündigung Delisting
Aves OneA16811Rhine Rail Investment09.12.2021
Easy SoftwareA2YN99Battery Partners15.11.2021
Zooplus511170Hellman & Friedman08.11.2021
TLG ImmobilienA12B8ZAroundtown20.10.2021
Schaltbau HoldingA2NBTLCarlyle07.10.2021
HolidayCheck Group549532Burda Digital29.09.2021
FyberA2P1Q5Digital Turbine Media08.07.2021
MyHammer HoldingA11QWWHomeAdvisor17.06.2021
Osram LichtLED400ams03.05.2021
DEAGA0Z23GApeiron Investment Group11.01.2021

Quelle: https://www.boersengefluester.de/kalte-delistings/ , zuletzt aufgerufen am 21.12.2021

Was bedeutet das Delisting für dich als Anleger:in?

In der Regel nichts Gutes. Trotzdem: Laut Börsengesetz (§ 38 Abs. 2 Satz 2 Börsengesetz) müssen Anlegerinnen und Anleger frühzeitig über ein Delisting informiert werden. Je nach Börse muss das mindestens sechs Monate im Voraus geschehen. Du hast also noch Zeit, zu reagieren.

Die Frage ist allerdings: Wie reagierst du am besten bzw. wie kannst du deinen Verlust so gering wie möglich halten. Denn, dass du Verluste machen wirst, davon ist fast auszugehen.

Möglichkeit 1: Aktien so schnell wie möglich abstoßen. Zu diesem Schritt raten die meisten Finanzexpert:innen. Sonderlich attraktiv ist diese Möglichkeit allerdings nicht, denn: Sobald ein Delisting öffentlich wird, fällt der Kurs der Aktie rapide. Außerdem: Wer kauft schon Aktien eines Unternehmens, dessen Delisting unmittelbar bevorsteht?

Möglichkeit 2: Angebot des Großaktionärs annehmen. Ein solches Angebot gibt es zum Beispiel bei einem Squeeze-Out. Je nachdem, wie stark der Kurs der Aktie bereits eingebrochen ist, kann das die bessere Alternative zum Verkauf an der Börse sein. Verluste wirst du in den meisten Fällen aber auch hier hinnehmen müssen.

Worst Case: Insolvenz

Insolvenz ist der Worst Case für dich. Der Kurs der Aktie bricht komplett ein, so dass ein Verkauf deiner Aktien nahezu unmöglich ist. Ein Angebot des Großaktionärs wird es zudem nicht geben. In aller Regel wirst du dein Geld also verlieren.

Möglichkeit 3: Aktien behalten. Du musst deine Aktien nicht verkaufen. Das Halten der Aktien ist allerdings wenig sinnvoll und wohl die Möglichkeit, die am wenigsten ratsam ist. Sinn macht dieses Vorgehen überhaupt nur, wenn das Unternehmen nach dem Delisting noch existiert. In diesem Fall bist du Anteilseigner:in an einem privaten Unternehmen und kannst auf einen späteren Squeeze-out hoffen.

Der Nachteil: Unnotierte Aktien lassen sich nur bei einem Downlisting im ungeregelten Freiverkehr verkaufen, und das in der Regel nicht gut. Bei einem tatsächlichen Delisting ist das gar nicht mehr möglich.

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Saskia ist promovierte Germanistin und arbeitet seit 2017 im Finanzbereich. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte liegen vor allem im Bereich Wertpapierdepot sowie bei Unfall- und Sterbegeldversicherung.
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