Negativzinsen: Wenn Banken ein Verwahrentgelt für Guthaben verlangen

Negativzinsen auf Guthaben von Privatkund:innen sind in den letzten Monaten immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass eine oder mehrere Banken verkünden, Minuszinsen einzuführen. Das sogenannte Verwahrentgelt trifft also immer mehr Menschen. Doch wer ist überhaupt betroffen? Und was kann man dagegen tun?

Immer mehr Banken führen Verwahrentgelte ein

Das Thema Negativzinsen wurde in den vergangenen Jahren viel diskutiert. Früher musstest du dir keine Sorgen machen, dass deine Bank Minuszinsen erhebt. Doch inzwischen haben immer mehr Geldinstitute Negativzinsen bei ihren Girokonten oder Tagesgeldern eingeführt. Meist bezeichnen es die Anbieter selbst als „Verwahrentgelt“. Das klingt harmloser, läuft aber auf die gleiche Tatsache raus.

Wieso Banken „Strafzinsen“ verlangen

Die Banken geben letztlich nur die Negativzinsen weiter, die sie selbst bezahlen müssen. Parkt eine Bank Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB), zahlt sie dafür inzwischen Zinsen statt welche zu erhalten. Die Niedrigzinspolitik der EZB soll den Geldhäusern Anreize schaffen, günstige Kredite an Firmen und Verbraucher:innen zu geben, was wiederum die Wirtschaft im Euroraum ankurbeln soll. Doch viele Banken lagern ihr nicht benötigtes Geld bei der EZB zwischen, weil es einfach und sicher ist. Der Negativzins soll Banken das Zwischenlagern weniger schmackhaft machen.

2014 wurde der EZB-Zins daher zum ersten Mal unter 0 gesenkt. Im September 2019 fiel er auf das bisherige Maximaltief von -0,50 Prozent. Die Banken begründen die Weitergabe an ihre Kund:innen damit, dass es für sie aus betriebswirtschaftlicher Sicht nötig ist. Geben sie die Kosten nicht weiter, müssten die Preise anderweitig erhöht werden, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Doch nicht nur der Negativzins belastet die Banken: Durch das Anleihekaufprogramm der EZB sinken zudem die Anleiherenditen vieler Geldhäuser, die in Bundesanleihen investieren.

Für wen gelten die Minuszinsen?

Das Verwahrentgelt können Banken zunächst nur von Neukund:innen verlangen. Sie stimmen mit ihrem Antrag den Preisen zu, die laut Preisverzeichnis für sie gelten. Anders sieht es aus, wenn du schon Konten bei einer Bank hattest, bevor diese einen Minuszins veranschlagt hat. Eine Einführung ohne individuelle Benachrichtigung ist nicht rechtens, wie das Landgericht Tübingen urteilte.

Es gab jedoch Fälle, in denen Banken ihren Kund:innen persönliche Briefe zukommen ließen, die über die Einführung eines Verwahrentgelts informierten. Doch steht es allen frei, diese Vereinbarung nicht zu unterzeichnen. Dann gilt der negative Zinssatz erst einmal nicht.  Ob die Bank den Vertrag mit dir dann allerdings dauerhaft aufrecht hält, ist nicht gesichert.

Zinshöhe und Anlagesumme: Ab wann zahlt man ein Verwahrentgelt?

Wie in fast allen Fällen hängt es von der Bank ab, auf welche Produkte bzw. ab welcher Summe sie einen Negativzins erhebt und wie hoch dieser ausfällt. Verlangen Banken ein Verwahrentgelt, dann in der Regel auf ihre Girokonten sowie Tages- oder Festgelder.

Die gute Nachricht: Als Normalverdiener hast du gute Chancen, dass du keine Minuszinsen auf deine Einlagen zahlen musst. In der Regel liegt die Schwelle bei 50.000 oder gar 100.000 Euro. Es gibt jedoch auch Banken, die bereits ab 20.000 Euro negative Zinsen verlangen. Das sind jedoch Ausnahmefälle. Viele Anbieter erheben sogar erst ab 500.000 Euro eine Gebühr. Du musst also schon sehr viel Geld auf der hohen Kante haben, damit der Negativzins Auswirkungen auf dich hat. Für Kund:innen, die derart viel Geld auf ihrem Girokonto parken, dürften die Strafzinsen ohnehin Peanuts sein.  

Tipp:

Achte genau darauf, für welche Produkte der Negativzins gilt. Es gibt hier keine einheitliche Regelung. Manche Banken zählen jedes Konto einzeln, bei anderen gilt die Summe all deiner Anlagen, also beispielsweise für Guthaben auf dem Girokonto und dem Tagesgeld zusammengerechnet.

In den meisten Fällen geben die Geldinstitute den Zinssatz der EZB eins zu eins an dich weiter. Das heißt, es fällt ein Minuszins von 0,50 Prozent für die Beträge an, die die festgelegte Schwelle überschreiten. In Einzelfällen ist mehr oder weniger möglich. Ein regelmäßiger Blick auf den Referenzzinssatz der EZB ist also angebracht: Sinkt der Zins weiter, ist es wahrscheinlich, dass auch die Banken nachziehen.

Diese Banken verlangen Negativzinsen

Mittlerweile verlangen hunderte Banken Negativzinsen – von regionalen Sparkassen und großen Filialbanken, bis hin zu Direktbanken ist alles dabei. Auch wenn letztere wegen geringerer Betriebskosten später mit der Einführung begonnen haben, ziehen auch sie jetzt nach. Experten glauben, dass jede Bank früher oder später Minuszinsen erheben wird, wenn die Zinspolitik so bleibt wie jetzt. Wir haben einen Blick auf die Banken geworfen, die bei unseren Kund:innen am beliebtesten sind. Diese Banken verlangen derzeit ein Verwahrentgelt:

BankNegativzinsAb Anlagesumme
1822direkt0,5 % p.a.100.000 Euro
comdirect0,5 % p.a.250.000 Euro
Commerzbank0,5 % p.a.100.000 Euro
Deutsche Bank0,5 % p.a.100.000 Euro
DKB0,5 % p.a. (nur Geschäftskonto)1 Mio. Euro
ING0,5 % p.a.100.000 Euro
N260,5 % p.a.50.000 Euro
norisbank0,5 % p.a.100.000 Euro
Postbank0,5 % p.a.100.000 Euro

Stand 16.11.2020. Zinsen gelten nur für Neukund:innen. Hattes du bereits vor Einführung des Negativzinses ein Konto bei der Bank, gilt der Minuszinsen meist nicht.

Was tun, wenn meine Bank Minuszins verlangt?

Wechselst du zu einer neuen Bank, die Negativzinsen verlangt, hast du keine andere Wahl, als dem zuzustimmen. Führt deine bisherige Bank ein Verwahrentgelt ein, hast du mehrere Möglichkeiten.

  • Du stimmst dem Schreiben nicht zu bzw. du widersprichst den Vertragsänderungen schriftlich. Jedoch kann die Bank deinen Vertrag jederzeit kündigen, wenn du nicht zustimmst. Solche Fälle gab es in der Vergangenheit schon, vor allem bei sehr vermögenden Kund:innen.
  • Als Alternative bleibt dir, selbst zu kündigen und den Anbieter zu wechseln. Jedoch gibt es kaum noch Banken, die kein Verwahrentgelt erheben. Früher oder später wirst du also um das Thema nicht herumkommen. Daher lohnt es sich, unabhängig von deinem Anbieter Auswege aus der Situation zu suchen. Folgende Optionen hast du:
  • Du teilst dein Geld auf: Du musst nicht dein ganzes Erspartes bei einem Geldinstitut lagern. Erhebt deine Bank zum Beispiel Minuszinsen aufs Girokonto, kannst du dir entweder ein Zweitkonto suchen, bei dem du einen Teil deines Vermögens anlegst, oder du eröffnest ein Sparkonto. Je nachdem, wie lange du auf dein Geld verzichten kannst, bietet sich hier entweder Tages- oder Festgeld an. Prüfe jedoch vorab, ob und ab wann die Bank auch hier etwaige Negativzinsen verlangt.
    Hast du über 100.000 Euro zur Verfügung, ist es dann auch aus einen anderen Grund sinnvoll, das Geld aufzuteilen: Wenn deine Bank nur der gesetzlichen Einlagensicherung unterliegt. Denn hier sind Einlagen über 100.000 Euro im Pleitefall nicht abgesichert.
  • Du orientierst dich neu: Hast du viel Guthaben, lohnt es sich, dein Geld nicht auf Giro- oder Sparkonten versauern zu lassen. Auf diese Konten gibt es ohnehin bis auf wenige Ausnahmen nur wenig oder gar keine Zinsen. Dein Geld verringert sich dank Inflation und Minizinsen eher, als dass du hier Gewinne machst. Auch konservative Sparer:innen sollten sich daher spätestens jetzt mit Depotkonten, automatisierter Vermögensverwaltung oder Crowdinvesting vertraut machen. Diese Anlagen bieten keine garantierte Rendite wie Sparbücher und Co., haben aber potenziell höhere Gewinne. Für Neulinge lohnt sich vor allem ein Blick auf ETFs.

Positive Negativzinsen: Kredite mit Minuszinsen

Das niedrige Zinsniveau ist für Sparer:innen ärgerlich, doch wer einen Kredit aufnimmt, profitiert davon: Kreditzinsen sind so niedrig wie nie. Mittlerweile bieten einige Banken und Kreditvermittler schon Negativzinsen auf Kredite. Ja, du hast richtig gehört: Du bekommst am Ende Geld, wenn du einen Kredit aufnimmst. Grundsätzlich solltest du aber immer stutzig werden, wenn ein Angebot zu schön klingt, um wahr zu sein. Solche Angebote sind nämlich selten, gelten oft nur für Kleinkredite und bei ausgezeichneter Bonität. Auch Verbraucherschützer sehen die Produkte kritisch und halten sie für Marketing-Gags und Lockangebote.

Häufige Fragen zum Negativzins

Du hast noch offene Fragen oder keine Zeit für den ganzen Text? Dann bist du bei unseren FAQs genau richtig.

Wann zahlt man Negativzinsen?

Negativzinsen zahlst du als Neukund:in bei vielen Banken. Bestandskund:innen sind meist noch verschont, solange sie keine Mitteilung bekommen, dass auch bei ihnen der Minuszins eingeführt wird. Im Normalfall wird der Minuszins erst ab einer relativ hohen Summe fällig.

Was ist das Verwahrentgelt bei Banken?

„Verwahrentgelt“ ist der Begriff, den Banken für den Negativzins verwenden. Es handelt sich dabei jedoch immer um einen Zins, keinen fixen Betrag.

Wie hoch sind die Minuszinsen?

Das hängt von der Bank ab. Die meisten richten sich nach dem aktuell gültigen EZB-Referenzzinssatz. Dieser liegt derzeit bei 0,50 Prozent p.a. (Stand November 2020). Ändert sich dieser, ist es wahrscheinlich, dass auch viele Banken nachziehen.

Muss ich Negativzinsen zahlen, auch wenn ich Guthabenzinsen auf Tagesgeld bekomme?

Sofern deine Bank ein Verwahrentgelt auf Tagesgeldkonten erhebt, musst du Negativzinsen zahlen. Das bedeutet, dass bis zu einem bestimmten Betrag Guthabenzinsen abfallen und du für alle höheren Beträge Zinsen an die Bank zahlen musst. Das solltest du aber vermeiden, wenn sich das Tagesgeld lohnen soll.

Welche Bank verlangt Negativzinsen?

Inzwischen verlangen sehr viele Banken Minuszinsen und es werden fast monatlich mehr. Weiter oben im Text haben wir dir eine Liste unserer Top-Banken zusammengestellt, die derzeit Minuszinsen verlangen.

Kann man etwas gegen die Minuszinsen tun?

Erhebt deine Bank ein Verwahrentgelt, kannst du dem nur entgehen, indem du unter dem Anlagewert bleibst oder du dein Geld bei mehreren Banken anlegst. Du solltest dir auch Alternativen überlegen, beispielsweise eine Geldanlage in Wertpapiere.

Video: Negativzins kurz erklärt

Hier noch einmal eine schöne Kurzzusammenfassung zum Thema Negativzinsen des Bayerischen Rundfunks:

Julia bewegt sich seit 2011 im Umfeld Finanzen. Als Expertin für Verbraucherthemen wie Girokonto, Kreditkarte und Versicherungen hat die studierte Germanistin und Amerikanistin immer einen Tipp auf Lager.

Bist du auch von Negativzinsen betroffen?

Verlangt deine Bank schon Negativzinsen? Wie entgehst du dem Verwahrentgelt? Tausch dich hier mit der Community aus.

Stilisierte Sprechblasen in Schwarzweiß Diskussionsforum
  • Meine VB-Lüneburger Heide eG. erhebt ab dem 1. Dezember 2020 bei Privatkonten einen Negativzins von o,5%
    ab € 100000,00 Kontenbestand.
    MfG. Rüdiger Schlicht

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